Wahrnehmung und Raum

Entscheidend für jedes Erleben, auch für das eines Raumes, ist die Art und Weise der persönlichen Wahrnehmung. Dabei ist es neben den bekannten fünf Sinnen auch die Propriozeption, die uns mittels Rezeptoren und Fasern in Muskeln, Knochen, Haut etc. eine Wahrnehmung bezüglich Lage und Bewegung des eigenen Körpers im Raum, als auch von Körperbereichen untereinander vermittelt. Sie wird somit, neben dem Tast-     sinn, zum spürbaren Bindeglied der Beziehung von äußerer und innerer, leiblicher Welt. „Diese physiologische Funktion ist Träger einer tiefen organischen Identität: eines ver-      körperten Selbstgefühls“1 . Somit wird der Körper zum Wahrnehmungsorgan, welcher        die Beziehung vom Wahrgenommenen zur psychischen Reaktion, z.B. in Form einer inneren Berührtheit herstellt.
Diese unbewussten Prozesse regeln die gesamte Körpermotorik, ohne dass es einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Sie vermitteln zudem körperliche Empfindungen      bei der Selbst- und Raumwahrnehmung. So können sich Disharmonien im Raum in unangenehmen körperlichen Reaktionen äußern. Manchmal sind diese Körperzeichen sehr deutlich, manchmal jedoch auch subtil und können dann kaum interpretiert oder eingeordnet werden. Hier kann eine verfeinerte Körperwahrnehmung helfen, die Signa-    le aus der Innerlichkeit zu erkennen, sie auf Grundlage von Erfahrungen zu deuten, um      sie so, auch im Bezug zu Raum, Licht, Farbe etc. zu benennen. Eine wichtige Grundlage für die Erschaffung und Gestaltung von Architektur.

Neben Form, Struktur und Größe, kann auch Farbe wahrgenommen werden. Sie wird, soweit die Sehorgane intakt sind, von allen Menschen gleich wahrgenommen, jedoch individuell und kulturell unterschiedlich interpretiert.
Wer denkt schon bei der Betrachtung einer Blume oder eines Gegenstandes daran, dass Farbe nicht eine Eigenschaft des Materials ist. „Farbe existiert nur als Sinnesempfin-    dung“2 nämlich dann, wenn die von einem Gegenstand nicht absorbierte, sondern re-    mittierte spektrale Zusammensetzung des Lichtes eine Farbempfindung im Betrachter auslöst. Eine sich ändernde Lichtfarbe führt somit auch zu einer sich ändernden Ob-   jektfarbe und ohne Licht gibt es gar keine visuelle Farbwahrnehmung. Und dennoch reagiert der menschliche Organismus auf die Schwingungsqualität von Farbe (Wellen-  länge) auch ohne, dass wir sie visuell wahrnehmen3 . Farbe ist daher ein Resonanz-    phänomen von Materie, Licht und Wahrnehmung.

So verbirgt sich oft mehr in den Dingen, als ihr bloßes Erscheinen vermuten lässt, auch wenn für den Einzelnen nur das existiert, was er bewusst wahrnimmt. Aber je mehr Nuancen wahrgenommen werden, desto reicher und intensiver wird das Erleben, ganz ohne „lautstarke Beschallung“ durch ein Übermaß an Farben, Formen, Mustern etc.. Es     ist dann eher ein subtiles Nachfolgen in den Phänomenen und Dingen. Ich sehe die Schulung der Wahrnehmung daher im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes: Ästhetik – als eine Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis4 .
Daher ist das Arbeiten mit dem Raum für mich eine ständige Suche und Balance in der Qualität der Beziehung von Innen und Aussen, von Mensch und Natur sowie von dem, vom Menschen Geschaffenen zur Natur.

Das intensive Nutzen aller Sinnesempfindungen und deren In-Beziehung-setzen zu den Dingen und Elementen stimuliert dabei die Wahrnehmung, macht wach und schafft eine grundlegende Natürlichkeit, welche dann im Gestaltungsprozess auf ganz individuelle Art und Weise hervorgebracht wird.
Die Verwendung möglichst natürlicher Materialien spielt für mich dabei eine wichtige Rolle, da die Natur Informationen einer Ordnung enthält, derer wir bedürfen um gesund zu bleiben, körperlich, wie geistig. Zudem bieten diese Baustoffe vor allem durch ihre Atmungsaktivität ein besonders gutes Raumklima, was man fühlen, riechen und spüren kann.
Es geht also nicht nur um das Visuelle von Dingen, Räumen und Architektur, sondern vielmehr um die Wirkung, die dieses Erleben in uns kreiert. Eine Erfahrung, die im besten Fall berührt und verändert.


  1. Danis Bois, „Das erneuerte Ich“, S. 69  

  2.  Harald Küppers, „Das Grundgesetz der Farbenlehre“, S. 22  

  3.  Hierzu bieten sowohl die Phänomenologie Merleau-Pontys, im Sinne eines körperlichen sich- verhaltens zu den Phänomenen („Das Sichtbare und das Unsichtbare“, aus: Juhani Pallasmaa „Die Augen der Haut – Architektur und die Sinne, S. 12) als auch die Wissenschaft (Prof. Nils Finsen, 1903 Nobelpreis für Medizin mit Farb- Lichttherapie) vielfältige Erfahrungen und Experimente. Umfangreiche Untersuchungen zur Farbwirkung im psychologischen Kontext findet sich u.a. im Werk von Prof. Dr. Max Lüscher  

  4.  Alexander Gottlieb Baumgarten, 18.Jhd., Theoretische Ästhetik, „Aesthetica“), die neben Schönheit und Kunst auch (das Schöne der) Natur betrachtete, aus Michael Hauskeller „Was ist Kunst ? Positionen der Ästhetik von Platon bis Danto“, S. 51  

Der Körper als Wahrnehmungsorgan

im Entstehen…